Sex und Glück - Frau und Auto
Ein wenig rund. Ein bisschen lang. Ein wenig silberfarben. Ein wenig langsam am Berg. Aber dafür jederzeit zur Stelle ...

Ihren Führerschein machte sie mit 18 und klar musste auch ein Auto her. 300 Mark blätterte sie einem guten Freund dafür hin und erhielt dafür einen alten Renault Dauphine – bronzefarben. Für sie war ER ihr Inbegriff von Freiheit.
Zwar war sie verwundert, dass besonders auf der Autobahn die anderen Fahrer beständig auf ihren Wagen starrten. Hatte sie sich doch gar nicht klar gemacht, dass sie ein wahres Schätzchen fuhr.
Begeistert sauste sie mit ihrem bronzefarbenen Renault Dauphine durchs Land und wurde überall mit ihrem Gefährt bestaunt. Es war ja auch ein Oldtimer. Das war ihr damals gar nicht bewusst. Mit 18 denkt frau halt an Auto und nicht an Oldtimer. Hauptsache Freiheit und jederzeit von A nach Z zu kommen. Unabhängigkeit verschaffte ihr das schnuckelige Gefährt.
Klar auch an jedem Wochenende zum Segelflugplatz ins Sauerland. Dort setzte sie sich in den geräuschlosen Flieger und schwebte mit ihm über die Felder und unendliche Weite und mit der Thermik und den Federwolken übers Land. Über den Wolken ... hatte doch schon einst Liedermacher Reinhard Mey besungen ....
Irgendwann war der Renault Dauphine dann platt. Das Alter ging halt auch an diesem Kleinen nicht vorbei. Abschiedsschmerz verspürte sie, als sie ihren geliebten Wagen wohl oder übel verschrottete.
Sie hatte nur diese Wahl. Sicher hätte sie auch Automechanikerin werden können oder wenigstens einen Automechanikerfreund an Land ziehen sollen. Aber all das wollte sie damals nicht, und so trennte sie sich von ihrem geliebten Renault.
Er war stets treu, zuverlässig und allzeit bereit! Whowwwh. Wenn sie das auch mal von einem Mann sagen könnte – jedenfalls auf Dauer!
Später folgte dann ein flotter roter Zweisitzer .Honda Civic, und danach ein älterer Mercedes, ziemlich lahm. Halt ein Diesel. Den hatte ihr der Patenonkel aufgeschwatzt, weil er gerade mit Gebrauchtwagen handelte und sie ohne Auto von ihrem Jahresaufenthalt aus Italien wiederkam.
Aber auch der war irgendwann mal am Ende seines Autolebens angelangt. Da entschied sie sich für einen Isuzu Gemini 1.6 GTI 16V. Mit dem überschlugt sie sich bei 170 km/h auf den Weg in den Urlaub. Wowwwh. Wenige Sekunden reichen, um zwischen Leben und Tod oder Rollstuhl und Leben auf eigenen Füßen zu entscheiden.
Der Gardasee war damals ihr Ziel. Daraus wurde aber nichts. In der Höhe von Würzburg fuhr ein Fahrer, ohne sich umzuschauen vom Seitenstreifen auf ihre Fahrspur auf. Sie trat ihn auf die Bremse, der Wagen geriet aus der Spur. Sie sah nur noch eine lange Kurve ...
Am Straßenrand wurde sie dann wacht. Über ihr ein männliches Gesicht. „Er sei Arzt“, sagte er. An mehr erinnert sie sich dann nicht. Dann lag sie auf dem OP. „Ob es weh täte“, fragte sie ein Mann, vermummt mit Mundschutz und Kappe ... Sie wusste es nicht.
Irgendwann lag sie dann im Krankenbett und wusste nicht wirklich wie ihr geschah. Am nächsten Morgen kam dann die Polizei. Sie fragte nach, von dem Unfallverursacher fehlte jede Spur ...
Ihre linke Hand war ziemlich zerquetscht. Die linke Daumenstrecksehne ist seitdem weg. Höllische Schmerzen peinigten sie. Aber dennoch hatte sie wohl eine Schutzengel gehabt.
Später folgte dann noch eine Hauttransplantation vom linken Oberschenkel auf die Hand.
Vier Monate war sie völlig außer Gefecht gesetzt. Wusste nun, dass es nur Bruchteile von Sekunden braucht zwischen Leben und Tod, Rollstuhl und mehr...
Danach sah ihre Welt ganz anders aus. Ihre linke Hand war lange Zeit völlig lahm gelegt. Die rechte Hand blieb unversehrt. Das half, aber die linke fehlte an allen Ecken und Kanten ...
Irgendwann kehrte sie zurück in ihren Job – in ihre Redaktion. Der Chef war eigentlich nur sauer. Solange Auszeit, das passte ihm ja nun wirklich nicht ...
Noch im Krankenhaus hatte sie sich ein neues Auto bestellt. Damit sie den Schock über den Unfall möglichst schnell überwand. Das Auto war rot und auch nicht mehr so schnell. Ans Dachfenster hatte sie beim Kauf wohl nicht gedacht. Aber das war auch nicht so schlimm. Nur im Sommer wurde es im Innenraum ziemlich heiß und durch die geöffneten Seitenfenster zog es halt mächtig.
Die erste Fahrt nach dem Unfall war der reinste Horror. 80 Kilometer von Düsseldorf nach Bonn. Hin war es noch einigermaßen okay. Aber zurück. Da wurde es langsam dunkel und der Regen setzte ein.
Wie sollte sie da jemals wieder nach Hause kommen? Sie hatte keine Ahnung, hat es dann aber doch irgendwie geschafft.
Danach fiel ihr das Autofahren schwer. Alle Autobahnen schienen nur aus Kurven zu bestehen ... die zu durchfahren glichen einem Albtraum – jahrelang.
Dann gab es einen neuen Mann in ihrem Leben. Der wohnte 50 Kilometer entfernt. Wollte sie unbedingt mit seinem Auto abholen und wieder nach Hause fahren.
Fürsorge dachte sie. Naives Schaf. Sie zogen dann zusammen. Er fuhr sie noch immer überall hin. Fürsorge dachte sie wieder. Meine Güte, was sie damals dumm.
Schon alsbald verkaufte sie ihr Auto. Er fuhr sie ja von A nach B. Fürsorge eben. Natürlich dachte sie niemals an Kontrolle.
Achteinhalb Jahre ging da so. Inzwischen hatte sie seinem Sohn ihre 40 Prozent Versicherungsprozente überschrieben. Das war auf ewig. Aber das fand sie gar nicht schlimm. Fürsorge eben. Wie Frauen so sind, an solchen Stellen einfach blöd.
Dann war`s mit diesem Mann vorbei. Er war vom Lehrer zum Heiler mutiert und mit der Liebe war es längst vorbei.
Da zog sie aus. Stand so mal eben vor dem Nichts. Von seiner Fürsorge war da natürlich keine Spur. Aber das war nicht so schlimm.
Zehn Jahre war sie nun nicht mehr Auto gefahren – aus seiner Fürsorge zu ihm. Meine Güte, war sie blind.
Sechs Monate nach der Trennung hatte sie genug von Bus und Bahn – vor allem in der Nacht.
Da suchte sie sich aus der Zeitung ein Auto aus. Viel Blech musste er haben, das war klar. Kein Flitzer. Sicher und robust. Treu, zuverlässig und allzeit bereit.

Dann fand sie ihn. Rundlich, ein wenig altbacken, ein wenig Typ Bonnie und Clyde. Schubkarre nannte es eine Bekannte verächtlich. Das tat ganz schön weh.
Die Probefahrt nach zehn Jahren war das reinste Abenteuer. Aber der Verkäufer war gut. Kein Wunder, litt er doch selbst mal zwei Jahre unter Panikattacken und wusste wohl wie frau sich nach ein paar autofahrerfreien Jahren fühlt.
Ein bisschen hat sie ihn angeschwindelt. Drei Jahre sei die nicht gefahren, hat sie ihm erzählt. Bei zehn hätte er sie wohl nicht allein ans Steuer gelassen.
Alles ging gut. Alles ging glatt. Bald schon zuckelte sie mit ihrem PT Cruiser Limited 2.0 durch Stadt und Land. Es dauerte den ersten Winter, bis sie die Sitzheizung fand. Erst nach fünf Jahren hat sie den Tempomat entdeckt. Aber das ist ja nicht so schlimm.
Frau liebt IHN seitdem inniglich. Er ist so treu, so zuverlässig und eben allzeit bereit.
Klar hat er auch mal ausgesetzt. Da war es Winter und die Batterie irgendwie zu schwach. Aber ein bisschen schwächeln darf ja jeder mal.
Aber ansonsten sind sie ein ideales Paar. Er silbergrau und farblich stets adrett. Sie das farbenfrohe Gegenstück.
Ob sie sich jemals trennen? Wer weiß. Noch sind sie das ideale Paar!
Ist er doch so himmlisch treu, zuverlässig und allzeit bereit!
Wie immer im Leben haben sich nun ihre Wege getrennt. Der PT Cruiser war ihr ein treuer Lebensabschnittsgefährte. Die neue Besitzerin ist völlig vernarrt in ihr neues Gefährt und hat allen Widerständen ihres Mannes zum Trotz und auch mich völlig Ignoranz ob des hohen Benzinverbrauchs ihren gerade ausgezahlten Sparvertrag dafür hingeblättert.
„Dieses Auto ist mein Traum“, gestand sie glücklich und schwebte in ihrem frisch erstandenen silberfarbenen PT Cruiser ladylike davon ....
Text: www.susan-heat.de
Foto: Daimler Chrysler/Susan Heat