Mord an Don Giovanni
Sie schmunzelte, anscheinend gab es viele Don Giovannis auf dieser Welt. Sie war eigentlich viel zu müde für die Opernaufführung gewesen. Aber da war ihr Siegfried wie ein kleines Kind und hatte sie so lange am Telefon genervt, bis sie einwilligte und quasi direkt vom Flughafen in seine Vorstellung stürmte. Dabei hätte sie viel lieber ein heißes Bad mit Rosenöl und Blütenblättern genossen – mit einem netten Liebhaber als Zugabe. Sie seufzte, so sah sie stattdessen ihren Don Giovanni und wünschte sich das Ende der Vorstellung herbei, um endlich schlafen zu können.
An der Champagnerbar in der Pause traf sie ein paar Verehrer ihres Siegfrieds, homosexuell, total verliebt in ihren Bariton und entsetzlich eifersüchtig auf sie. Im Parkett saß sein letztes Verhältnis, Chorsängerin Maria, Amerikanerin mit deutschen Eltern, und so deutsch, dass es ihr wehtat: Blasser Teint mit dicken Sommersprossen im Gesicht und auf den Armen, irischrote Haare, ziemlich schmallippig, hyperakkurat, sauertöpferisch, alles musste ihre Ordnung haben, und obendrein extrem humorlos. Deutschen hängt ja der Makel der Humorlosigkeit in der ganze Welt an, und die Amerikaner nennen sie Krauts, als Anspielung auf das Nationalgericht Sauerkraut mit Kasseler. Maria war für sie eine echte Kraut, auch wenn die Journalistin die Frau noch nie Sauerkraut hatte essen sehen. Sie verkörperte für Zoe die Resi von der Alm, wobei sie keiner Resi von den Almen zu nahe treten mochte. Aber Maria war eher Trachtengirl als Grande Dame und das Zeug zu einer großen Sängerin hatte sie Zoes Meinung nach auch nicht. Auch diese Dame brachte ihr gegenüber nicht gerade liebevolle Gedanken entgegen.
Völlig überflüssig, Zoe war längst an dem Punkt angelangt, ihren Don Giovanni zu verschenken, aber das war leichter gedacht als getan. Sexuell freizügig musste Maria schon sein, sonst hätte sich ihr Siegfried nicht so oft über sie hergemacht. Oder beherrschte sie die Technik des Blasens gut? Zoe wusste, dass ihr Opernsänger davon nicht genug bekommen konnte. Wie viele Männer stand er auf Oralverkehr, vor allem, wenn sein bester Freund mit Ausdauer und Akribie verwöhnt wurde. Maria hatte ja einen großen Mund, den musste sie bei Siegfrieds bestem Mannesstück auch haben. Als Amerikanerin war sie dieser Sexualpraktik auch mehr zugetan als so manche deutsche Frau, das hatte Zoe auf ihrem Flug von New York nach Frankfurt gelesen.
Im Opernhaus in ihrer Sitzreihe – drei Plüschsessel weiter – hatte sich eine 19-jährige Statistin in Pose gesetzt: Lina. Sie stand noch vor wenigen Wochen im Bikini in Zoes Dachgeschosswohnung und blickte verliebt ihren Siegfried an, der splitterfasernackt neben ihr auf der dunkelbraunen Teakholzbank saß.
„Ich konnte mich nicht so schnell anziehen als es klingelte“, lautete seine ziemlich einfältige Erklärung. Zoe hatte es vorgezogen, schnell ein paar Arbeitsunterlagen zu packen und dann zu ihrem Termin zu eilen. Was sie nicht sah, wenn sie nicht dabei war, war ihr egal, aber sich dazugesellen überstieg doch ihre Toleranzschwelle, zumal die Statistin überhaupt nicht ihr Typ war.
Das Deckenlicht im Saal erlosch und der letzte Akt begann. Don Giovanni auf seinem letzten Lüstlingstrip und der Höllenfahrt. So ein Akt dauert schon eine Weile, besonders der erste schien nie enden zu wollen. Ihr Siegfried sang, gestikulierte mit Armen und Händen und bot eine vollendete Sterbeszene.
Es war schon beeindruckend, wie er von den Flammen der Hölle verschlungen wurde. Zuvor hatte er das steinerne Grabdenkmal des Komturs, den er ermordet hatte, vom Friedhof zum Gastmahl eingeladen und den Buße- und Reueruf mit dreimal „Nein“ verweigert. Er nahm nochmals einen großen Schluck aus dem silbernen Weinpokal, bevor er vollends zusammenbrach.
Dreimal leugnen, dafür musste Don Giovanni auf der Bühne sterben – für ihn war es wohl ein Heldentod. Da lag er nun, schön in Szene gesetzt, ja das konnte er gut. Der Vorhang fiel, das Publikum applaudierte, Don Giovanni hatte einen guten Job gemacht...
Das Klatschen wurde nach einigen Minuten ungeduldiger, ein verständnisloses Gemurmel durchzog die Reihen. Längst hätte sich wieder der Vorhang öffnen müssen, aber nichts geschah. Die Zuschauer wurden unruhig und allmählich ärgerlich.
„Vorhang hoch“, riefen die Ersten. Aber gar nichts bewegte sich. Dann, nach endlos erscheinenden 15 Minuten, eilte der Opernintendant höchstpersönlich auf die Bühne, hochrot im Gesicht.
„Verehrtes Publikum“, japste er vor Aufregung völlig außer Atem. „Es ist ein tragisches Unglück passiert. Mir fehlen beinahe die Worte. Aber Sie haben ein Recht darauf, davon zu erfahren.“
Jürgen Bühnenhold machte eine Pause, so als könne er es nicht fassen, was geschehen war. Dann setzte er seine Erklärung tapfer fort:
„Meine Damen und Herren, ich habe die leidvolle Aufgabe, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Siegfried Goldstein, unser Don Giovanni, ähm“, stockte er, „gewesener Don Giovanni, bei seinem letzten Auftritt verstorben ist.“
Der Intendant hüstelte nervös, tupfte sich die Schweißperlen mit einem schneeweißen Taschentuch von der Stirn und fügte hinzu:
„Sie werden unter diesen Umständen sicherlich dafür Verständnis haben, dass wir die Vorhänge heute Abend nicht mehr hochziehen. Wir danken Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und bitten Sie nun, dass Gebäude zu verlassen.“
Hilflos ließ er die Arme sinken, aschfahl im Gesicht und trat von der Bühne ab. Im Saal herrschte betroffenes Schweigen ...
Ganz langsam gingen die ersten Besucher in Richtung Ausgang.
Zoe hatte sich gesetzt, war völlig benommen. In ihrem Kopf drehte sich alles, und sie hatte Mühe, das Gehörte zu ihrem Verstand vordringen zu lassen.
„Don Giovanni ist tot“, murmelte sie völlig verständnislos. „Mein Don Giovanni ist tot. Aber er ist doch nach seinem Bühnentod immer wieder auferstanden, warum dauert es diesmal nur so lange?“
Die Journalistin nahm ihre Umgebung nur durch einen Wattebausch wahr. Irgendwann spürte sie eine Hand auf ihrem Arm, dann zog sie jemand von ihrem Sitz, sprach beruhigend auf sie ein.
„Kommen Sie, ein Arzt wird Ihnen eine Spritze geben. Danach wird es Ihnen besser gehen.“
Clara Moll, die Regieassistentin, zog sie sanft aber zielstrebig zum Bühnenausgang, streichelte ihr beruhigend über den Arm, nahm sie fest an die Schultern. Dann wurde es dunkel um Zoe...
*
Zoe verbarg ihre Augen hinter einer dunklen Sonnenbrille. Sie hatte tiefe Schatten unter den Augen und den Schock noch nicht ganz verdaut. Jetzt stand sie am offenen Grab in Miami. Die Sonne stach glühend heiß vom Himmel. „So als solle Don Giovanni auf seiner eigenen Beerdigung wirklich in der Hölle schmoren“, dachte Zoe und empfand nicht wirklich Mitleid dabei.
„Jeder bekommt das, was er im Leben gesät und verdient hat“, murmelte die Journalistin vor sich hin, als sie ihrem Siegfried das letzte Geleit gab.
Eigentlich war sie mehr über die Umstände seines Todes schockiert als darüber, dass ihr Siegfried nun nicht mehr ihr Leben mit ihr teilte.
Nach seinem wahrhaftig bühnenreifen Tod hatte es noch ziemlich viel Aufruhr gegeben. Erst wurde ein Arzt gerufen, der ein unnatürliches Ableben ihres Siegfrieds festgestellt hatte. Eilends wurde nach dieser Botschaft die Kriminalpolizei gerufen und der Gerichtsmediziner.
„Tod durch Vergiften“, stellte Dr. Fürchtegott fest.
Mit dieser Aussage begann der Stress erst richtig. Das war typisch für Siegfried. Ihr auch noch mit seinem Tod eine Menge Arbeit zu machen. Sie informierte seine Eltern in Miami über den Tod ihres Sohnes. Die waren entsetzt, verlangten aber, dass er im Familiengrab auf dem Zentralfriedhof in Miami in Florida seine letzte Ruhe fand.
Das war ein großes Problem. Denn nach jüdischer Vorschrift muss die Beerdigung innerhalb von 24 Stunden nach Eintritt des Todes erfolgen. Grundlage sind zwei biblische Gebote im fünften Buch Mose, 21, 23:
„ ... dann soll die Leiche nicht über Nacht ... bleiben, sondern du sollst ihn noch am gleichen Tag begraben.“
Nur wenn es die Umstände oder staatliche Beerdigungsvorschriften verlangen, wird die Bestattung hinausgeschoben, aber nie mehr als drei Tage.
Aber auch das war hier nicht möglich. Zoe hatte wirklich alles versucht, sogar mit dem Regierungspräsidenten gesprochen. Aber Vorschrift blieb Vorschrift. Für die Obduktion benötigten die Gerichtsmediziner alleine schon vier Tage. Das war sogar noch ausgesprochen schnell.
Zoe bekam den Totenschein. Die Menge eines Mokkalöffelchens Zyankali hatte ihren Don Giovanni ins Jenseits befördert.
(Quelle: Powerfrau trifft Don Giovanni, Susan Heat)
Susan Heat Love & Life Beraterin, Buchautorin, TV-Experin – susan-heat.de
Foto: Thomas Jüling/Pixelio
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