Der Tod für die Freiheit. Kopf gegen Wand

Veröffentlicht auf von Susan Heat

Gegen die Wand! Mensch Emmi ...

 

Temperamentvoll warste ja schon immer. Aber musste dir denn gleich die dickste Betonwand vornehmen? Also weisste ...

Ach, war das immer nett. Dieses stundenlange Quatschen über Gott und die Welt und vor allem über das Leben. Du mit deine Künstler, haste mich immer gewarnt. Dann kannst dir ja gleich ein Kind ins Haus holen. Recht haste gehabt. Die Künstler waren meine Kinder, anstrengende, das kann ich dir sagen. Da hat es zu einem richtigen nicht mehr gereicht. Na ja, so wirklich was für ein eigenes Kind habe ich auch nichts getan, war mehr mit meinen Künstlern und der Verhütung beschäftigt. Wo hätte ich denn mit denen auch noch Nachwuchs unterbringen sollen? Irgendwann war das dann einfach vorbei. Da musste ich mir weder um die Künstler noch um ein eigenes Kind Gedanken machen.

 

Fast 25 Jahre haben wir uns gekannt. Weisste noch den ersten Artikel, den ich über dich schrieb. Damals, ist lang her, da warst du die Mutter dieser Gesamtschule in Düsseldorfer Süden, dort die Mutter-Theresa der Vorstadtnation. Für die Kids warst du die tröstende Seele, stets einen praktische Rat auf der Hand und ihre Vorkämpferin. Dir war es egal, ob der Schulleiter dich mochte oder nicht. Er hat dich bewundert. Emmi, glaub es mir, hat er mir doch selbst gesacht.

 

Du bist eingetreten für deine Sache und Belange der kleinen und großen Menschen, für die, die sich nicht wehren konnten. Du hast den Mund und auch vor keiner Obrigkeit halt gemacht. Sie haben über dich gelächelt, aber dich dennoch ernst genommen. Du gabst ihnen auch nicht Wahl.

 

Mensch Emmi, wir waren solange Freundinnen und dann war`s plötzlich aus und vorbei. Warum musstest du denn gegen die Wand rennen, auch noch gegen die dickste Betonwand im Krankenhaus? Ne dicke Beule haste davon getragen und letztendlich doch den Sieg. Denn einsperren, das konnten sie dich nie. Und du hast dir seine Freiheit wiedergeholt. Der Preis, der war dein Tod. Aber das hast du sicher nicht so gesehen. Atmen konntest du jetzt, ohne verschlossene Türen und einengende Vorschriften.

 

Lange hast du allein gelebt, deine beiden Kinder ohne Mann groß gezogen. Der ist dir schon früh abhanden gekommen. Hast trotzdem stets nach vorn geschaut. Geschneidert, genäht – auch gern für die netten Nutten. Die waren großzügig im Bezahlen, meckerten nicht viel rum und waren meist gut gelaunt. Mir haste auch mal ein paar Klamotten genäht. Weißt du noch?

 

Mensch Emmi, mir erscheint`s wie gestern. Ja und dann hast du mich oft angerufen, manchmal zehnmal und mehr am Tag. Hattest die Male davor schon völlig vergessen. Zu meinem 50zigsten standest du angeblich vor meiner Tür, fand`s aber die Klingel nicht und hattest ganz einfach meinen Nachnamen vergessen. Da biste dann wieder nach Hause gefahren. Hast mich noch angerufen und gratuliert, damit ich nicht denke, du hättest mir vergessen.

 

Dann war da im letzten Jahr dein 80. Geburtstag. Dazu lud mich deine Tochter ein. Da warst du schon ein paar Monate in diesem nagelneuen Demenzheim mit tollem Konzept. Alle waren froh. Meinten sie dich doch gut untergebracht. Allein in deiner Wohnung, das ging ja nicht mehr. Da haste immer öfter vergessen, den Herd abzuschalten. Den Schlüssel verlegt und dich aus dem Dachfenster gelehnt und um Hilfe gerufen. Da kam die Feuerwehr und rettete dich ...

 

Aber das ging ja nicht auf Dauer. Erst kamst du ja in dieses Heim, schön gemischt mit Behinderten, jung und alt. Da hat es dir gut gefallen. Aber mit deiner Demenz gehörtest du da nicht. Da gibt es diese Bestimmungen und ja dann eröffnete dieses wunderschöne neue Demenzheim. Ganz in der Nähe vom Rhein, ganz am anderen Ende von deiner jahrelangen Heimat. Nun warst du plötzlich im Westen der Stadt.

 

Aber das war nicht schlimm. Nur noch unter Demenzkranken zu sein, das fandste schlimm. Unter all den Bekloppten, da wollste nicht sein, haste immer gesacht. Die meisten waren apathisch, sprachen kaum und bewegten sich nicht. Was solltest du da tun? Aber hatten die nicht so ein tolles Konzept?

 

Stimmt. Ein guter Plan war da, aber kein Personal. Allein raus durften die Heimbewohner nicht, dann hätten sie ja nicht mehr zurückgefunden. Da hatte doch einer mal die Idee, nicht nur seine Tante, sondern gleich ein paar Heimbewohner mehr in sein Auto zu laden und mit allen spazieren zu gehen. Das wurde aber gleich verboten. Die Vorschriften eben.

 

Mensch Emmi. Und dann biste wohl ausgeflippt. Renitent und aufmüpfig, nicht angepasst haben sie dich genannt. Die Hand haste dir demoliert. Fürs Heim ein guter Grund, dich in die Klinik zu schicken. Da wurdest du ins Bett gelegt, ruhig gestellt und die Tür von außen abgeschlossen.

 

Dann kam der Doc, wollte nach dir sehen. Da bist du blitzschnell an ihm vorbeigeschossen und voll gegen die Wand geknallt. Du wolltest raus. Freiheit war dein höchstes Gut, dafür hast du alles in Kauf genommen.

 

Der Zusammenprall war wohl doch zu stark, hat dir deinen Schädel ziemlich demoliert. Da brachten sie dich in den OP. Das war der letzte Akt. Auf der Intensivstation hast du dich kurze Zeit später für immer davongemacht. Die Augen wolltest nicht mehr öffnen, dein Gefängnis nicht sehen. Du hast dir selbst deine Freiheit genommen.

 

Deine Tochter rief mich nach deinem Tod nachts an. Mensch Emmi, ich war ganz schön geschockt und froh, dich noch vor ein paar Wochen auf deinem 80. Geburtstag getroffen zu haben. Fast hätte ich es nicht geschafft, machte ausgerechnet an dem Tag mein Auto schlapp. Aber dann war ich doch da. Und du hast mich erkannt. Ein guter Tag. Wir haben gequatscht und ich habe deinen Enkel auf den Arm genommen. Es war schön – so wie früher. Darüber habe ich dann auch noch mit deiner Tochter gesprochen. Irgendwann nach langem Gespräch mussten sie und ich in der Nacht schallend lachend. Da haben wir dich vor uns gesehen. So richtig in Action bist du vor unserem inneren Auge vorbeigeschossen. Mutter liebte die Freiheit, sagte deine Tochter mir noch. Keine Frage, die war dein höchstes Gut.

 

Dann gab`s die Trauerfeier, der letzte Blick in dein Grab. Sie Sonne schien. Ein kleiner Trost.

 

Mensch Emmi, ich habe dich ziemlich ins Herz geschlossen und glaube mir, ich denke oft an dich. Und du siehst ja, unsere Gespräche führe ich weiter, quatsch mit dir über Gott und die Welt und das Leben. Meist muss ich lachen, wenn du mir mit rauchiger Stimme antwortest, so schön praktisch bist und dabei so tief und scheppernd lachst.

 

Mensch Emmi, jetzt rennste aber nicht mehr gegen die Wand. Verspochen!

 

Susan Heat Love & Life Beraterin, Buchautorin,
TV-Expertin - susan-heat.de

Foto: didi01/pixelio.de

Impressum - http://lieben-und-lachen.over-blog.de

 

 

 

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Veröffentlicht in Das pralle Leben

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